Rebsorten - ein kurzer Überblick

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Da Naturwein spontan mit der natürlichen Hefe vergärt und nicht durch Reinzuchthefe in ein bestimmtes Aromaprofil gezwängt wird, sind Sorten-Charakteristika nicht pauschal feststellbar. Ich möchte betonen, dass Rebsorten nie kategorisch ausgeschlossen oder beurteilt werden sollten. Ein Kollege drückte es neulich schön aus, als er sinngemäß sagte: ”Ist doch nicht die Schuld der Rebsorte, wenn man schlechten Wein draus macht”. Nach dieser Vorbemerkung will ich dennoch versuchen, eine grobe Übersicht über die prägendsten Rebsorten unseres Portfolios zu geben.

 

Silvaner

In Deutschland lange als saure “Franken-Plörre” verschrien, erlebt er vor allem im Naturwein nun sein verdientes Revival als hervorragende Rebsorte. Ein Alleskönner, der sowohl auf kargen wie auch sehr schweren Böden zurecht kommt. Geschmacklich bewegt er sich zwischen erfrischend leichter Trinkigkeit und schlank anspruchsvoller Eleganz. Doch der Silvaner überzeugt nicht nur zum reinsortigen Selbstzweck: Auch als Partner in einer Cuvee versteht er es brilliant, sich den opulenten Aromen unterzuordnen, um das strukturgebende Rückgrat des Weines zu bilden.
Schönes Beispiel: Der "Heimat Silvaner" von 2Naturkinder

 

Spätburgunder

Man nennt sie nicht umsonst Königin der roten Sorten. Sowohl Diva im Weinberg, als auch graziöse Dame im Keller und in der Flasche. Sie ist für mich das rote Pendant zum Silvaner. Besonders in kargen, terroirbetonteren Lagen können diese Sorten ihr Potenzial der absoluten Spitzenklasse ausschöpfen. Für mich gibt es wenige Rebsorten, die es so gut verstehen, das Terroir auszudrücken und voll frischer Trinkfreude zu sein. Doch ihre Brillianz reicht tiefer und offenbart sich in ihrer Vielfalt. Je nach Geschmack des/ der Trinkenden vermag sie in fast allen Disziplinen zu bestechen. Sowohl in der von mir nicht favorisierten Klasse der “heavy reds” mit tiefroter reifer Frucht und dunklem Tanninkostüm als auch in der verspielt leichten Riege der feinfruchtigen Rosés mit stahliger Säure besticht sie zuverlässig. Ein neuer Trend im Ausbau, den ich mit viel Begeisterung und Genuss verfolge liegt in der Maceration (Semi) Carbonique. Was als Nische begann, entwickelt sich zu einer mächtigen Liga an neu interpretierten, brilliant balancierten und fruchtig frischen Spitzenweinen über die ich weitere 1000 Zeichen lang malerisch schwärmen könnte. Doch auch auf diese Interpretation setzen die Winzer*innen bereits einen drauf. Amphoren und Qvevris entpuppen sich als herausragende Gebinde, um die definierte Eleganz dieser Rebsorte zu exponieren. Seid gespannt! Kleiner Tipp an jene, denen der Spätburgunder in seiner Omnipräsenz überdrüssig wurde, oder denen die Erfahrungen und Konnotation zu konservativ angestaubt wirken: Solltet ihr eurem/r Weinhändler*in dies mit selbstbewussten Blick sagen, dann fragt bitte nicht alternativ nach einem Pinot Noir! Es handelt sich um dieselbe Rebsorte. Ohne überheblich wirken zu wollen, doch ihr würdet nicht glauben, wie viele sich dessen nicht bewusst sind. Pinot ist das französische Wort für Burgunder, auch bei Pinot Blanc und Pinot Gris lockt dasselbe Fettnäpfchen, das Weinerprobte nur allzu gerne aufstellen. Egal unter welchem Namen, diese Rebsorte gehört zu den ganz großen.
Schönes Beispiel:  Der "Purpur x Calx Spätburgunder" von Andi Mann

 

Müller-Thurgau

Ist die Kreuzung des Herrn Müller aus dem Schweizer Kanton Thurgau bloß der einfache Trinkwein oder doch viel mehr? Müller-Thurgau ist extrem wüchsig und kann auch hohe Erträge gut verkraften. Diese Eigenschaft hat ihn bei vielen Winzer*innen zum “Brot und Butter”-Massenprodukt verkommen lassen, weshalb auch sein Ansehen massiv gelitten hat. Doch unter verantwortungsvoller Bewirtschaftung, kann er sowohl reinsortig als frisch fruchtiger Wein, als auch als anspruchsvoller Maischegärer oder aber feinwürziger Verschnitt-Partner bestechen.
Schönes Beispiel: "MTH" vom Weingut Weigand

 

Artikelbild Müller-Thurgau

 

Schwarzriesling

Kuckuckskind der Nomenklatur und Mitglied der Champagne Blends

Im Französischen Pinot Meuniers genannt, ist sie eigentlich Teil der Burgunder-Familie. Sie verlangt gnadenlos gute Pflege im Weinberg, doch belohnt sie durch sanfte Eleganz des Terroirs und eine weiche, fruchtige Säurestruktur. Durch den Einsatz des Stilmittels Maceration (Semi) Carbonique kann die herrliche Balance aus Seriösität und simplistischer Trinkfreude optimiert werden. Für mich ist sie, egal ob still oder sprudelnd, die perfekte Begleitung auf eine sommerliche Picknickwiese.
Schönes Beispiel: "Rote Fledermaus" von 2Naturkinder

 

Bacchus

Bloß ein Verschnittwein oder auch für sich überzeugend? Durch seine erhöhte Anfälligkeit und das starke Wachstumspotenzial kann er im Weinberg durchaus Probleme bereiten, weshalb er im Keller meist unter besonderer Beobachtung steht. Auch der meist hohe Ertrag spricht tendenziell gegen einen reinsortigen Ausbau. Als Pet-Nat besticht er dennoch zuverlässig. Es sind vor allem die Primärfrüchte, die bei ausreichend früher Lese mit stabiler Säure gepaart werden. Als Verschnitt-Partner kann er hochwertige Blends auffrischen oder sich solo als unschuldiger Trinkwein sehen lassen.
Schönes Beispiel: "Bacchus Pet-Nat" von 2Naturkinder

Regent

Überrest der frühen Generationen von PiWis (Pilzwiderstandsfähige Rebsorten), oder ernstzunehmender Rotwein?

Hier ist der Name in gewisser Weise Programm: Er verhält sich wie ein “Herrscher”, der – wenn er nicht durch die Bevölkerung reguliert wird – faul, schlaff, und träge wird. Doch durch konsequente Arbeit im Weinberg und eine frühe, Säure erhaltende Lese, bewegt er sich zwischen einem schönen Lagerfeuer-Wein und einem reichen, abendlichen Essensbegleiter. Er wurde ursprünglich gezüchtet, um die schweren fruchtvollen Bordeauxs zu imitieren, die Erfinder meinten es leider etwas zu gut mit ihrer Kreation. Deshalb sollte die Vinifikation dieser Stilistik äußerst behutsam ablaufen. Wenn die Winzer*innen es schaffen, ihn sich von seiner Herkunft emanzipieren zu lassen, entfaltet er sein volles Potenzial. Dabei kann eine Maceration (Semi-)Carbonique von Vorteil sein.
Schönes Beispiel: Die Große Wanderlust der 2Naturkinder

 

Weißburgunder

Arbeit im Weinberg, Lohn im Keller!

Sie gehört zu den Rebsorten, die einem Schlampigkeit im Weinberg eher schwerer verzeihen. Eine aufrechte und luftige Laubwand sind bei ihr ein Muss. Sollte es dennoch zu Fäulnis kommen, ist sie gnädig, da diese meist ringförmig in der Mitte der Traube auftritt und sich somit – bei einer Handlese – leicht entfernen lässt. Einmal im Keller angekommen, entfaltet sie ihre Schönheit. Der Most lässt nur erahnen, wo die Reise hingeht, doch meist wird sie sich spontan umentscheiden. Sie changiert zwischen sanft-verspielter Blumigkeit und dezenter Frucht. Ob sie sich eher von ihrer graziösen Seite zeigt, oder mehr opulente Qualitäten entfaltet, obliegt den Winzer*innen. Dies wird durch den Lesezeitpunkt und die Most-/Maischebereitung beeinflusst.
Schönes Beispiel: Purpur Weißburgunder von Andi Mann

 

Grauburgunder

Ein verspielt diverser, tropischer Blumenstrauß!

Die Vielfalt dieses Paradiesvogels der Rebsorten lässt mich für ihn das Pronomen “sier” verwenden. Sier verhält sich im Weinberg ambitioniert bis übereifrig, wobei sier sich leider bei schlechten Rahmenbedingungen schnell unkooperativ zeigt. Rechtzeitig und sauber gelesen, kann das ganze Potenzial der Trauben ausgeschöpft werden: Direkt gepresst wird sier ein schlank-eleganter Weißwein. Mit etwas Maischestandzeit erhält sier Farbe und Struktur. Und als Maischegärer kann sier ein anspruchsvoller Verschnitt-Partner werden oder solo einen Wein von unglaublicher Tiefe und Komplexität darstellen. Dies und alles dazwischen ist das Spektrum des Grauburgunders.
Schönes Beispiel: Bergkloster "Super Lit" 

 

Chardonnay

Schönheit der Minimalistik

Bevor ich auf die Brillanz dieser Rebsorte eingehe, muss ich kurz darüber sprechen, wie ihr Ruf so verkommen konnte. Vor allem im Zuge der Parkerisierung der Weinwelt gab es für Chardonnay ein festes Rezept, nach welchem sie bereitet werden “durfte”. Hauptsache viel Holz und Batonnage für die cremigen Hefe-Noten. Dass dieses Dogma zu einer untrinkbar breiten, cremigen Monotonisierung führte, war unvermeidbar. Seit die Naturweinwinzer*innen begannen, der Rebsorte zu erlauben, sich aus diesem Korsett zu befreien, tritt ihre schlichte Eleganz wieder in voller Schönheit zutage. Sie lebt von den ehrlichen, salzig-mineralischen Noten des Bodens, gepaart mit frischer, aufrechter Säure. Ihr Charme liegt darin, Aromen provokant anzubieten, aber bald nach Erhaschen wieder entschwinden zu lassen. Sie profitiert deutlich von kargeren Böden und der leicht reduktiven Note, die sich daraus ergeben kann. Eine Rebsorte, bei der mir Herz und Mund aufgeht.
Schönes Beispiel: "Feminin" von Bianka und Daniel Schmitt (Coming soon: Der Chardonnay von Andi Weigand!)

  

Riesling

Angegrauter konservativer Herr oder schlanker Jungspund?

Ich gebe zu, dass die erste Konnotation vor meinem inneren Auge eher der eines geruhsamen älteren Herrns mit Fliege ist. Stattlich, aber oft nicht allzu spektakulär. Gepaart mit dem ganz bösen Vorurteil des untrinkbar süßen Mosel-Rieslings, genießt Riesling bei mir kein blindes Vertrauen. Ein Riesling darf im Kern gerne konservativ bleiben, denn es genügt bereits etwas mehr Liberalität im Keller, um es ihm zu ermöglichen, seinem Inneren einen frischen Anstrich zu verpassen. Sein später Lese-Zeitpunkt verlangt längere Pflege. Zumeist wird er erst ab Oktober gelesen, die Lese insgesamt entspannt sich also bereits. Das erlaubt eine vielseitige Vinifikation, um mehrere Charakteristika zu entwickeln. Eine seiner nützlichsten Facetten ist für mich die des dezenten Gewürzes in Verschnitten. Der meist hohe Säuregehalt des Rieslings dient hervorragend zum Auffrischen einer Cuvee. Auch für sich selbst genommen kann der Riesling ein herrliches Bild abgeben, solange es ihm und den Winzer*innen gelingt, die Balance aus allen seinen Eigenschaften zu halten. “Ist der Weinberg mit sich im Reinen, gehört er zu den Feinen.”
Schönes Beispiel: "Bergkloster Riesling"

 

PS: Wir denken öfter in Geschlechterrollen als uns bewusst ist. Auch ich kann mich nicht davon freisprechen, und stellte bei der Beschäftigung mit den Rebsorten schnell fest, dass ich ihnen unterbewusst Geschlechter zuwies. Der Grund ist: Ich betrachte sowohl die Rebstöcke als auch die Weine als angestellte, aber gleichwertige Kolleg*innen von uns Winzer*innen. Da ich ein Interesse an einer paritätischen Besetzung meiner Belegschaft habe, muss ich mich leider entscheiden, wen ich wie anspreche.

PPS: Ja ich rede mit den Weinbergen. Würdest du erwarten, dass deine Angestellten von selbst wissen, was du von ihnen willst? Und wie sonst sollte ich erfahren, was ihnen fehlt?

Mit diesen Denkanstößen danke ich für’s Interesse und wünsche viel – aber verantwortungsvollen – Trinkspaß!

Nick Hanel